Gottesdienst vom Sonntag Trinitatis (12. Juni) zum Nachlesen und Hören

Hier können Sie den Gottesdienst mit Pfr. Till Jansen anhören. Musik: Ina Biesewig (Flöte/Orgel) und Felix Krämer (Cello)

Eingangsliturgie mit „trinitarischen“ Lesungen (Liedstrophen, Lesungen und Bekenntnis), sowie Musik von Willem de Fesch.
Predigt (mit Zeichnung „trinitarischer Zirkel“ von Joachim de Fiore aus dem „liber figurarum“)
Ausgangsliturgie mit Fürbitte, Vater unser und Segen, sowie Musik von Willem de Fesch.
Joachim de Fiore, 1186/87 im „liber figurarum“

Hier können Sie die Predigt von Pfr. Till Jansen nachlesen:

Predigt 

Römer 11, 33-36

33O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! 
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!34Denn » wer kann die Gedanken des Herrn abmessen? Wer wird von ihm in seine Pläne eingeweiht?«? (Jes 40,13) 35Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3) 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Paulus staunt, liebe Gemeinde, über diesen unendlich großen Gott, über die unendlich verzweigten und nicht zu ergründenden Gedanken und Pläne seines Gottes.

Vielleicht erinnern Sie sich auch an etwas, bei dem Sie nur noch staunen konnten: Ich denke beispielsweise an eine Nacht voller Sternschnuppen in den Bergen oder an eine Nacht auf einer Nordseeinsel, die so dunkel war, dass man die Milchstraße wirklich sehen konnte.  

Der Philosoph Immanuel Kant beschließt seine Ethik, die Kritik der praktischen Vernunft, mit dem berühmten Satz: 

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. 

Beides wirft ihn zurück auf seine eigene Existenz, auf sein eigenes Sein, Streben und Denken. Die Größe des bestirnten Himmels, von der er selbst ja auch ein Teil ist, und die Frage nach dem Guten, die in ihm wohnt. 

Sie merken schon: Heute wird es grundsätzlich und vielleicht auch etwas kompliziert. Denn wenn man über die Trinität nachdenkt, wird man schnell an die Grenze der Vorstellungskraft geführt, und man bemerkt schnell, dass man diese Dreieinigkeit nicht in Gänze erfassen und verstehen kann. Ich hoffe aber, dass wir am Ende dennoch heureka und wow! rufen können. 

Mir geht es oft so, wenn ich über die Trinität nachdenke, also über die Vorstellung Gottes als eines dreieinigen Gottes. In den biblischen Lesungen, im Lied und auch in unserem Glaubensbekenntnis haben wir die wichtigsten Eckpunkte schon gehört: 

Gott Vater ist der Schöpfer, der unermesslich Große und unvorstellbare, von dem wir uns kein Bild machen sollen und auch nicht können. 

Jesus Christus, der Sohn, ist dieser selbige Gott, der Mensch wird, der mit Verkündigung, Kreuz und Auferstehung Versöhnung bringt, den Menschen Gott (wieder) nahe bringt. 

Der Heilige Geist, den der Vater in Jesu Namen sendet, verbindet die Gemeinde mit dieser Versöhnung miteinander und mit Gott, er führt zur Wahrheit, er stiftet und erhält Glauben. 

So schön – so gut und das ist vielen auch sehr vertraut. 

Aber das ist noch nicht der ganze Clou der Trinitätslehre: Denn diese drei Größen sind ja eins. Drei Dinge sind gleichzeit drei und eins oder eins ist gleichzeitig drei und eins. 

Warum soll das eigentlich so sein? Warum ist diese Einheit eigentlich so wichtig, könnte man fragen – hat man auch gefragt.  

Eigentlich ist diese Frage relativ einfach zu beantworten: Ursprung und auch Ziel allen Seins muss eines sein, wenn es zwei wären, dann wäre es nicht der Ursprung und auch nicht das Ziel. 

Wenn Gott das höchste Gute ist, dann muss er einer sein, denn zwei höchste Gute kann es nicht geben, weil sie ja wieder differenziert werden müssten. Das ist die Erkenntnis des Monotheismus, also des Glaubens an einen Gott, im Unterschied beispielsweise zur griechischen und römischen Götterwelt. 

Das ist jetzt sehr vom Menschen und seiner Vorstellung von Zahlen und Ursachen aus gedacht. Es gibt noch einen zweiten Grund und der liegt darin, dass wir uns schlicht eine ewige Drei-einigkeit nicht vorstellen können.  

Das liegt daran, dass wir immer ein Gegenüber brauchen, um uns selbst zu erkennen: Ich brauche ein Aussen, damit ich die grenzen meines Körpers erst kennenlernen. Ich brauche einen anderen Menschen, damit ich weiß, dass ich ich bin und der andere der andere. 

Bei Gott ist das anders. Wenn wir uns Gott ohne alles andere, also ohne Welt und Weltall vorstellen, dann ist Gott gedacht als einer der mit sich selbst in Beziehung steht und von sich selber weiß ohne etwas anderes zu brauchen. 

Also Gott ist sich selbst das einzige notwendige Gegenüber. Vater und Sohn sind als ein und dasselbe mit sich in Beziehung und der Geist ist dasjeniege, was diese Beziehung zusammenhält und das reicht aus und braucht nichts anderes. So hat es sich der Kirchenvater Augustin vorgestellt. Also Gott Vater und Gott Sohn sind als ein und. dasselbe mit sich in Beziehung und verbunden durch den Geist, der auch noch gedacht ist als die Liebe. 

Wir Menschen brauchen Bilder, um uns das ganze vorzustellen, und eines davon habe ich Ihnen und Euch heute mitgebracht. 

Es ist eine Zeichnung des Mönches Joachim de Fiore aus den Jahren 1186/87 aus einem Kloster in Kalabrien. 

Die Trinität ist dargestellt in drei Ringen: Ganz links ein grüner für den Vater, in der Mitte ein blauer für den Sohn und ganz rechts ein roter für den Heiligen Geist. 

Dass die Ringe eigentlich eins sind soll durch die vier großen Buchstaben ieue dargestellt werden, die für das hebräische Tetragramm stehen, also den hebräischen Gottesnamen, der im Judentum nicht ausgesprochen wird. 

Übersetzt heißt dieser Name: „Ich bin der ich bin“ oder „ich bin der ich sein werde“ – also der unbeschreibliche aber sich gleichbleibende in Ewigkeit. 

Die drei Ringe überschneiden sich und bilden vier Zeitzonen der Geschichte ab. Ganz links ausserhalb des grünen Kreises steht Adam als der Beginn der Geschichte. Ganz recht neben dem roten Kreis steht Finis Mundi: Also das Ende der Welt. 

In den Kreisen gibt es nun die Zeitalter: Vor dem Gesetz, unter dem Gesetz, unter dem Evangelium und unter der Geistkraft. Vater Sohn und Heiliger Geist haben ihre Schwerpunkte in der Geschichte, aber alle drei Grüßen wirken ineinander. Es gibt keinen Kreis, der nicht von den anderen Kreisen berührt wäre. So gibt es also Phasen in der Geschichte der Menschheit, die in der Erkenntnis Gottes ihre Schwerpunkte haben, aber die Dreieinigkeit Gottes wirkt immer zusammen. Natürlich nicht zufällig da am verdichtesten wo alle drei Kreise sich am meisten überschneiden, also in der Mitte des Sohn-Kreises. Das entspricht natürlich sehr unserer christlichen Auffassung, die in Christus die zentrale Offenbarung Gottes erkennt. 

Joachim de Fiore hat natürlich auch Augustin gekannt, der ja gesagt hatte, dass Gott mit sich selbst in ewiger Beziehung steht und ausser sich nichts braucht. Ewig bedeutet, dass Gott ausserhalb der Zeit steht und auch ausserhalb des Raums. Und da hört unsere Vorstellungskraft schon auf, denn ausserhalb von Zeit und Raum uns etwas vorzustellen, also Zeit und Raum sozusagen wegzurechnen, das können wir gar nicht, trotz aller Erforschung schwarzer Löcher und aller Mathematik und Physik. Zeit und Raum aus unserem Erleben wegzurechnen, gelingt nicht. 

Das bedeutet: Wir sehen in der Zeichnung von Joachim de Fiore eine zeitliche Einordnung der Trinität als Erkenntnis und Wirkung Gottes in der Geschichte von Adam bis zum Ende der Welt, aber die Buchstaben ieue, Ich bin der, der ich bin, deuten an, dass Gott selber natürlich nicht in der Zeit, sondern jenseits der Zeit zu denken ist (was wir nicht können), und daher wären die Kreise nicht neben einander, sondern, ja was, ineinander und eben nur einer? 

Ohne Raum, wäre es nicht einmal ein Kreis, sondern physikalisch gesprochen eine „Singularität“ – was nichts anderes bedeutet als ausserhalb physikalischer und mathematischer Gesetze und nicht beschreibbar. 

Was aber könnte nun das Heureka und das Wow sein. 

Heureka: Wenn Gott in meiner Vorstellungskraft nicht zu fassen ist, dann kann ich ihn nur so begreifen, wie er sich mit mit meinen Möglichkeiten offenbart und zeigt, wie er erlebbar und erahnbar wird. „Wer kann die Gedanken des Herrn abmessen? Wer wird von ihm in seine Pläne eingeweiht?«? (Jes 40,13) 35Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?“

Gott gegenüber und auch anderen Menschen gegenüber kann man nur mit der Demut entgegentreten, dass man Gott nicht umfassend erkennen und vereinnahmen kann und man sollte die eigenen Ideen nicht mit Gott verwechseln. 

Am Ende ist das Joachim de Fiore doch auch selbst geschehen, weil er den ewigen, zeitlosen Gott mithilfe seiner Zeichnung in die Weltgeschichte fortgeschrieben hat und ein vollkommenes, geistbestimmtes, irdisches Zeitalter vorausgesagt hat. Und dieses Idee eines irdischen vollkommenen Menschen ist auf vielerlei Weise katastrophal weitergedacht worden. 

Und gleichzeitig erkenne ich ein wow! in dieser Trinität: 

Der ewige, sich selbst genügende Gott schafft sich mit der Welt und uns Menschen ein Gegenüber in Zeit und Raum in echter Freiheit, dem er die Möglichkeit gibt, mit ihm verbunden zu bleiben und das er mit seiner Ewigkeit umfängt und an ein Ziel leitet, das wir anstreben und das uns leiten soll, dessen Vollendung aber in seiner Hand liegt. 

33O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! 
Bei Paulus ist es nicht allein ein Staunen wegen schierer Größe und beinahe hoffnungsloser Unverstehbarkeit: es ist ein sehnsuchtsvolles und zugleich vertrauensvolles Staunen gegenüber diesem Gott, der sich trotz seiner Größe allen Menschen – und so auch Paulus – selbst zugewandt hat. 

„Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“