Gottesdienst vom 22. August zum Lesen

Hier können Sie die Predigt von Pfr. Till Jansen lesen:

Liebe Gemeinde, können Sie mich gut hören? Sind Sie auch bereit zuzuhören, oder denken Sie gerade über ganz andere Dinge nach? Haben Sie Lust zuzuhören?

Vielleicht kommt es ja erst mal drauf an, was ich reden werde. 

Wenn ich das ganze Elend unserer Zeit aufzähle, Corona, Afghanistan, Klimakrise, aufkommende Nationalismen und den Zusammenbruch Europas, soziale und wirtschaftliche Ungleichheit, Genderungerechtigkeiten und mahnend anführe, was alles an Schlimmem auf uns zukommt und ihnen ins Gewissen rede, was wir mindestens tun könnten, um unsere Welt zu verbessern, welche Coronaregeln Sie genau wann wo einzuhalten haben unter welchen Bedingungen, wieviel Geld sie spenden müssen, um Not zu lindern, was sie essen und lieber nicht essen sollten wegen des Tierwohls und der COs Bilanz, dass Sie ihr Auto verkaufen sollten, nicht mehr in den Urlaub fliegen sollten, Abends das Licht reduzieren wegen der Lichtsverschmutzung, weniger im Netz unterwegs sein, um Energieressourcen nicht zu verbrauchen, Handy abschaffen wegen Ausbeutung und , auf billiger Kleidung verzichten, sich mehr sozial und ökologisch engagieren, nur noch regional einkaufen, sich mehr bewegen …

Wer hat noch Lust? 

Liebe Gemeinde, 

ich glaube, dass viele dieser Veränderungsforderungen recht gut zu begründen und wirklich sinnvoll wären, ich glaube, dass wir alle das irgendwie auch wissen, und trotzdem will es kaum jemand ständig gesagt bekommen … und noch weniger Menschen schaffen es, das alles umzusetzen. 

Wir sind mitten im Wahlkampf. Haben Sie das schon gemerkt? Angesichts der ja nun wirklich enormen Herausforderungen … nun ja, das ist auch so ein schönes Wort, denn eigentlich sind es echte Probleme und existenzbedrohende Krisen, die die ganze Welt betreffen … also nochmal: Angesichts dieser enormen Probleme, die einem wirklich richtig Angst machen können, ist es erstaunlich still im Streit um die richtigen Maßnahmen und Wege. 

Als würden wir unsere Ohren verschließen vor diesem Berg an Konflikten und Problemen und zugleich unsere Sprache verlieren, überhaupt darüber ernsthaft zu reden. Anstelle von klimapolitischen Auseinandersetzungen reden wir über Zitatfehler in Büchern, die nicht einmal wissenschaftliche Bücher sind. In einem Land bricht das Chaos aus, weil man es nach Jahrzehnten planlos verlässt und man redet darüber, ob man Menschen aufnehmen soll, die in Lebensgefahr sind. Wissenschaftliche Einschätzung, die man ja diskutieren kann, werden allzueinfach wegpopularisiert. Der Gipfel des Ohrenverschließens und nicht Nachdenkens ist der Slogan: Deutschland, aber normal. Noch inhaltsleerer geht es nicht. 

Vielleicht kann es ja keiner mehr hören und vielleicht will kaum einer mehr darüber reden, (Fridays for future natürlich ausgenommen), weil alle so unglaublich ratlos sind. 

Ja, es ist unwahrscheinlich kompliziert alles und vertrakt, wir sind alle auf so verschiedene Weise verstrickt und eingewoben in ein globales, implodierendes System von Wirtschaft und Geschichte, Ideologie und auch Versagen, und trotzdem: 

Wir müssten doch … 

Wir könnten doch … 

Es ist doch endlich an der Zeit, dass …

STILLE

Ja, was eigentlich …

Unter diesem Eindruck unserer Taubheit und Sprachlosigkeit hören wir auf eine Geschichte, in der sich, wenn wir gut hinhören, Gottes Wort mitschwingen und uns berühren kann. Ein Erzählung aus dem Markusevangelium. 

Markus 7, 31-37

Und als Jesus wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. 32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. 33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge 34 und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! 35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig. 

36 Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. 37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.

Sprachlosigkeit. Taubheit. In vielerlei Weise ist in dieser Geschichte davon die Rede. 

Der Taube und stammelnde kann nicht für sich selber reden. Sie, wer auch immer das ist, bringen ihn zu Jesus. Er soll ihm die Hand auflegen. Sie, wer auch immer das ist, glauben, dass das so funktioneren müsste. Jesus legt die Hand auf und der Taube und Stammelnde ist geheilt. 

Aber Jesus hört nicht auf sie, er macht etwas ganz anderes. Er nimmt ihn beiseite, weg von den anderen. Er sagt nichts, er legt die Hände nicht auf, sondern legt ich die Finger in die Ohren und spuckt aus und berührt ihn an der Zunge. 

Er berührt ihn genau da, wo er das Problem seines Lebens hat: In den Ohren und an der Zunge. Er spricht nicht mit ihm, er berührt ihn, er macht Gesten, etwas sichtbares: Er spuckt aus, er sieht auf zum Himmel, er seufzt. Was ist das? 

Mitärgern? Mitleiden? Wortlos mit ins Gebet nehmen, ihn mit dem Blick nach oben Gott anvertrauen? Vielleicht hat das alles nur der eine verstanden, der nicht hört und nicht redet. 

Was mag in dem Seufzen alles enthalten gewesen sein? 

Trauer über das Leiden? Enttäuschung, dass die Gemeinschaft es nicht hinbekommt, einen tauben und stammelnden Menschen gleichwertig in seine Mitte zu nehmen? Das Wissen darum, dass das Wunder gleich wieder mehr im Mittelpunkt steht, als die Botschaft von Gottes Reich? 

Und dann spricht Jesus nur ein einziges Wort: Hephata. Tu dich auf. 

Das Auftun ist sicher auf mehr bezogen als Ohren und Mund. Tu dich auf – öffne dich, werde weit, lass Dinge an dich heran. Vielleicht müssen uns die Dinge, die wir hören sollen, erst berühren. Vielleicht müssen wir, wenn wir reden sollen, auch erst spüren, dass uns jemand wirklich zuhört. Vielleicht brauchen wir, wenn wir uns auftun sollen, auch jemanden, der uns dabei zur Seite steht. 

Das Reden allein ist es nicht, das die Sprachlosigkeit überwindet. Und so ist es vielleicht auch verständlich, dass Jesus nicht will, dass sie, wer immer das ist –  vielleicht wir? – darüber reden, was sie gesehen haben. Millionenfach geteilt und verkürzt über Twitter, TicToc und Facebook gelikt und geteilt, berührt es uns auch nicht, obwohl wir es hören und lesen – und wegwischen, auf zum nächsten. 

Sich berühren lassen – das kostet Mut und braucht Zuspruch. Aber es ist so nötig, damit wir hören können, damit wir uns trauen, hinzuhören und richtig miteinander zu reden. Gott schenke uns Aufmerksamkeit und Mut und spreche uns zu: Hephata: Tu dich auf.

Amen